Der Waschsalon

Musiktipp: Arctic Monkeys - Old Yellow Bricks

Es ist mal wieder soweit. Aus dem Wäschekorb wird eine Nachbildung des Mount Everest, die T-Shirts im Schrank gehen langsam zur Neige und da ich, obwohl Besitzer eines mächtigen Gemächts und damit Sinnbild des Mannes, nicht drauf stehe, meine sexy Unterwäsche 2 Mal zu tragen und auch nicht der Typ für "Riech mal - Geht das noch?" bin, packe ich also meine benutzte Ober- und Unterbekleidung in eine große Tasche und begebe mich auf den fünfminütigen Marsch zum Waschsalon.

Zu meiner großen Freude ist Stammmaschine Nummer 6 frei und schon wird alles in dieses große, feuchte Loch hineingepresst. Routiniert wird die Luke geschlossen. Das ist durchaus ein Erfolg, wenn man bedenkt, wie ich vor einem Jahr an diesem "Links-Rechts-Rechts-Rechts-Links"-Verschluss verzweifelte. Allerdings bekam ich raus, dass auch ein einfaches "Drücken-Linksdrehen" völlig genügte.

Auf zum "Control-Panel". Ein herrlicher Name für ein Gebilde aus der Vorkriegszeit, auf dem paar Knöpfe angeordnet sind, die Hälfte davon mit dem Hinweis "DEFEKT, DU ARSCHLOCH" überklebt sind. Vielleicht bilde ich mir das ARSCHLOCH nur ein, aber momentan bin ich mir sehr sicher, dass es wirklich dort steht.

Wieder einmal meint es das Control-Panel gut mit mir und spuckt mir statt 20 Cent Wechselgeld direkt mal 2€ wieder aus. Ein absoluter Jackpot, die bisherige Ausbeute lag bei 10 bzw. 25 Cent. Die 25 Cent versteh ich bis heute nicht, da der Automat erst 10 Cent Münzen wieder auswirft. Mit dem Waschmittel mache ich zurück zu meiner Maschine und starte auch eben erwähnte. Ich öffne mein Buch und setze mich.

Ich hab noch keine halbe Seite vom Resturlaub gelesen, da werd ich auch schon angesprochen. Eine verstörte ausländische Mitbürgerin fragt mich, wieviel denn so eine Maschine kostet.

"Die Maschine oder einmal waschen?"
"Hm??"
"Wieviel das Waschen kostet oder was meinen sie?"
"Ja, ja, waschen!"
"3,50, Weichspüler kostet 20 Cent extra."
"Wei...?"
"Der Weichspüler! Steht auch alles da vorne auf der Tafel."
"Hm. Okay. 2,50."
"Äääh..."

Zur Richtigstellung komme ich nicht mehr, da die Frau zur Preistafel sprintet. Das "Kostet ja 3,50!" bekomme ich nur so halb mit, das Buch interessiert mich einfach mehr. 15 Minuten vergehen voller Freude und Spaß wegen Pitschi Greulichs Erlebnissen.

Dann kommt sie! Der Typ Frau mit modischer Kurzhaarfrisur. Weit über 50, aber gut drauf wie mit 20 vor einer Megaparty und das nur, weil sie sieht, dass ihre Maschine fertig ist. Natürlich übersieht sie das Schild, auf dem steht "Maschine bei Zeitanzeige 00 erst nach 3 Minuten öffnen!" und versucht, das Ungetüm zu bezwingen.
Sie packt den Verschluss und reißt an ihm herum. Die gute Laune schwindet und für einen Moment ist mir Pitschi egal. Ich höre Flüche und sehe, wie sie fast zum Hulk wird und fie Luke aus der Maschine reißt. Es soll ja Situationen geben, in denen Menschen ungeahnte Kräfte freisetzen. Dass dazu das Öffnen einer Waschmaschine zählt, überrascht mich.
Nach einer Minute Kampf lässt sie ab und schaut durch den Salon. Natürlich spricht sie keinen der 6 anderen anwesenden Personen an. Ich bin mir sicher, dass unter denen nicht wenige vom Typ Student, Single und superschlau stecken, die ihr alles perfekt und IN RUHE erklären würden. Aber sie nimmt mit mir Vorlieb und bekommt nur ein "Warten sie eben 3 Minuten, dann wirds schon gehen" und einen demonstrativ starren Blick in mein Buch. Erschöpft lässt sie sich auf die extrem bequeme Bank zum Warten fallen. Sie versucht es später natürlich noch einmal. Muss ich erwähnen, dass es ca. 30 Sekunden nach meiner Belehrung war? Wieder nichts, aber beim 5. Versuch packt sie es dann doch noch.

Zu der Aktion, dass sie die Wäsche erst fein zusammenlegt, um sie dann doch nur in eine überdimensionale Penny Markt - Tüte steckt, möchte ich mich nicht weiter äußern. Auch nicht zu der Tatsache, dass ich genau das erwartet habe.

Nach 31 Minuten (das sind Wasch- und Wartezeit zusammen) öffne auch ich meine Maschine. Schnell die Sachen eingepackt und raus aus dem Laden, in dem gerade ein Typ mit dem Chef über diese nützliche Einrichtung debattiert und sich "erstmal informieren will, wie das alles so geht". Ich rolle meine Tasche Richtung trautes Heim, vorbei an mehreren Hundescheißhaufen, nicht wenige bereits zerstört durch rücksichtslose Turnschuhträger und einem Auto, auf dem ein Aufkleber prangt:
"Fynn an Board". Mir fällt auch das letzte Haar vom Kopf. Wer zum Teufel ist Fynn? Und was macht er auf einem Brett? Und wer, um Gottes Willen WEEEER, nennt sein Kind FYNN? FYNN!!! FYYYNNN!!!! Ist das der perverse Versuch, wie lange ein Kind braucht vom ersten Hören seines Namens bis zum Suizid?
Fynn, wo immer du auch bist, gib nicht auf! Es gibt auch viele Maltes, die es geschafft haben, sogar einige Ronnys sollen ein gutes Leben haben. Du schaffst das, ich glaube an dich. Auch wenn du dein Leben lang ein Brett auf dem Rücken tragen musst.

Weinend laufe ich weiter, werde von einem Taxifahrer nach dem Weg gefragt und öffne nach diesem Erlebnis mal wieder mit einem großen WTF auf der Stirn die Tür zu meiner Wohnung. Ich freu mich auf die nächste Wäsche!
8.8.07 17:20
 


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