Ich hab in meinem Leben wahrscheinlich schon 2342 Mal versucht, anderen zu erklären, warum ich Fan von Dynamo Dresden geworden bin. Ich hab immer mit dem Satz "Ich war's einfach schon immer." angefangen.
So einfach der Satz ist, so wahr ist er auch. Fan wirst du nicht, Fan bist du. Ich glaube (ja, ich kann mich schlecht erinnern) es begann tatsächlich schon im Alter von 4 Jahren. Der Papa machte sich plötzlich Mittwochabends ausgehfein, verabschiedete sich und verließ das Haus Richtung Stadion.
Ich durfte plötzlich länger aufbleiben, musste nicht nach dem Sandmännchen den Gang ins Bett antreten, sondern ich wurde vor den Fernseher gesetzt.
Eine kurze Instruktion, wer da spielte und dass auch der alte Herr von mir zwischen den 40 000 Leuten (ja, soviele gingen mal zu Dynamo!) stand und meine Augen begannen, zu leuchten. Jede Hand, die gefilmt wurde, gehörte natürlich zu meinem Vater, die er hob um mich, nuuur mich, aus dem Stadion zu grüßen.
Ich hatte keine Ahnung, wie die Spiele damals ausgingen, meist schlief ich eben doch schon nach 10 Minuten ein und wurde ins Bett getragen, aber wenn ich am nächsten Morgen das zufriedene Lächeln oder das frustrierte Gesicht von meinem Vater sah, dann war das der beste und zuverlässigste Ergebnisdienst überhaupt.

Natürlich fing ich dann an, zu quengeln, endlich mit ins Stadion zu dürfen. Schließlich wollt ich auch mal der Verwandtschaft durch den Fernseher winken und die Helden meines Vaters, die Helden von mir aus der Nähe sehen. Am 3. Oktober 1987 war es dann endlich soweit. Gegner war der Hallesche FC Chemie.
Der Moment, in dem die Mannschaften einliefen und der Lärm rund um mich herum anfing, ist für mich bis heute unvergesslich. Ich saß damals auf einem Wellenbrecher, mein Vater hielt mich fest und meine Augen wurden immer größer. Überall schwarz-gelbe Fahnen, Sprechchöre und einfach nur Begeisterung. Natürlich fing ich an, zu heulen, was das Zeug hielt. Aber nicht, weil es mir nicht gefiel, sondern weil es wohl einfach so überwältigend war. Und während ich mich in den Armen meines Vaters festkrallte stand für mich schon fest: "Das wird dein Leben.".

Bis zum Ende der wunderschönen Deutschen Demokratischen Republik saß ich jedes Wochenende vorm Fernseher, schaute das gute, alte "Fußball-Panorama" und fieberte bei den Aufzeichnungen mit. Leider musst ich damals eine Stadion-Auszeit nehmen. Die Zeiten wurden ja sowieso turbulenter und auch in den Stadien wurde es eher kinderunfreundlich. Randale, Schlägereien mit der VoPo usw. Die Zeit wurde überbrückt mit Heldengeschichten, die mir mein Vater erzählte.
Es war faszinierend, von Schlachten zu hören, die sich nur wegen einem Schal entwickelten, der dann natürlich auch von den Dynamos erobert wurde. Wer braucht schon Schneidezähne, wenn man einen blau-weißen oder weinrot-weißen Schal in der Hand hielt und die Gegner um einige Sachen ärmer im Zug nach Hause schickte?

Bis zur Saison 94/95 blieb ich dem RHS fern. Das war die letzte Bundesligasaison und ich sah Spiele gegen Frankfurt und das letzte Bundesligaheimspiel überhaupt, das ausgerechnet gegen die Bayern stattfand. Für mich auch ein unvergessliches Erlebnis. Nach dem Schlusspfiff blieben 30 000 Leute laut- und regungslos im Stadion. Viele sanken in sich zusammen, setzten sich auf die Ränge und heulten, was das Zeug hielt. An diesem Tag ging eine Legende unter. Eine Ära ging zu Ende. Die Zeiten von Erstklassigkeit, internationalem Flair waren für unbestimmte Zeit vorbei, was nun folge, war die Regionalliga Nordost. Gegner wie Wacker Nordhausen, der FSV Velten, Tennis Borussia Berlin und Co warteten auf uns. Ich saß an dem Tag noch 1 Stunde nach Schlusspfiff im Stadion und war nicht alleine. Und auch diesmal fasste ich wieder einen Entschluss. "Jetzt erst recht, scheiß auf Regionalliga, ich bin dabei!"

So ging es also 3 Monate später los. Eisenhüttenstadt wurde wegrasiert, wie nix und zum ersten Heimspiel kam direkt mal Wismut Aue. "Hauen wir auch weg" war der allgemeine Spruch an dem Tag. Schließlich wollten wir ja in 2 Jahren wieder in der 1. Liga spielen. Fast 13 000 Zuschauer, ein würdiger Rahmen und am Ende ein... 1:3! Lange Gesichter an der Tagesordnung und das sollte die nächsten 7 Jahre so weitergehen.

Wir stiegen in die Oberliga ab, waren nun also viertklassig. Für mich eine neue Epoche, denn nun fing ich an, auch auswärts zu fahren. Meist gab es einen harten Kern von 50-150 Mann, die überall mit dem Zug hinfuhren. Die Strecken waren ja nun nicht mehr so weit und in den Dörfern mit einem Zugmob einfallen, war immer wieder ein erlebnis. In "Fever Pitch" von Nick Hornby wird dieses Gefühl treffend beschrieben. Dieses Gefühl, in das fremde Territorium einzudringen, deine Farben dort zu zeigen und lautstark deutlich zu machen, dass man da ist, ist auch ein Gefühl der Macht. Ältere Leute gehen ängstlich zur Seite, wenn der Mob, eingekesselt von den Bullen, sich durch die Straßen bewegt. Mütter halten ihre Kinder fest, die gleichzeitig verängstigt, aber auch faszinierend schauen. In jeder Gasse vermutest du gegnerische Fans, die nichts anderes wollen, als dich in die Finger zu kriegen und dir eine Abreibung zu verpassen und du bist bereit. Bereit für alles, dir die Nase verbiegen zu lassen, deine Farben zu verteidigen, zu zeigen, dass du mit deinen Leuten der beste bist.

Es macht mich stolz, in dieser Zeit zum Verein gestanden zu haben. Ich hab mir nicht einfach einen anderen Schal umgehängt und bin zum aktuellen, besten, deutschen Verein gelaufen.
Ich bereue nicht, dass ich jedes Jahr zu Weihnachten lieber gespendet hab, damit es in Dresden weiter Fußball gibt, statt Geschenke für die Familie zu kaufen.

Während dieser Zeit hab ich viele Leute kennengelernt. Leute, die ich heute ohne Zweifel auch als Freunde bezeichnen kann. Die mit mir zusammen für die gleiche Sache standen und kämpften und das mit Erfolg. Dieser Zusammenhalt, das aufeinander zählen, zu wissen, dass man Leute in seinem Rücken hat, die sich bedingungslos für dich einsetzen, das ist einmalig. Das ist das, was mir immer bleiben wird. Das ist der Grund, warum ich noch heute zu diesem Verein gehe. Das ist der Grund, warum ich Fan von Dynamo Dresden bin.